Am 28. Juni 2025 trat der European Accessibility Act (EAA) in Kraft — die EU-Richtlinie, die verpflichtende Barrierefreiheits-Standards für digitale Dienste, E-Commerce, Banken, mobile Apps, Geldautomaten, Ticketautomaten, Verkehr, Bücher und mehr vorschreibt. Für belgische Rollstuhlfahrer (und breiter: Menschen mit Behinderungen) war das auf dem Papier ein enormer Schritt. Ein Jahr später stellen wir die ehrliche Frage: Was merken wir konkret davon?
Diese Pillar ist Meinung und Bewertung — kein Loblied. Wir nennen, was verbessert wurde und was zurückbleibt.
Was der EAA vorschreibt — kurz skizziert
Der European Accessibility Act (Richtlinie 2019/882) legt seit dem 28. Juni 2025 Verpflichtungen für private Unternehmen, die digitale Dienste anbieten, für Verbraucher fest. Die 6 Hauptbereiche:
- E-Commerce-Websites (einschließlich Hotel-, Ticket-, Verkehrsbuchungen)
- Bankdienste und Zahlungsterminals
- Personenverkehrsdienste (Websites, Apps, Ticketautomaten)
- Elektronische Bücher und E-Reader
- Verbraucherelektronik mit Kommunikationsfunktionen (Smartphones, Tablets, Computer)
- Telefonie- und Fernsehdienste
Durchsetzung in Belgien: Die Wirtschaftsinspektion (FÖD Wirtschaft) kontrolliert E-Commerce und Bankdienste auf Einhaltung. Beschwerden können bei FÖD Wirtschaft gemeldet werden.
Quelle für Details: FÖD Wirtschaft EAA-Pressemitteilung (Juni 2025).
Wo wir in 1 Jahr konkrete Verbesserung sehen
1. Buchungs-Websites für Hotels und Verkehr
NMBS/SNCB/Belgian Trains, De Lijn, STIB/MIVB, TEC — ihre Online-Oberflächen wurden im letzten Jahr merklich verbessert in Bezug auf Screenreader-Kompatibilität, Kontrast und Tastatur-Navigation. Für Rollstuhlfahrer, die gleichzeitig visuelle oder motorische Beeinträchtigungen haben, ist das ein konkreter Gewinn.
Was funktioniert: Die meisten ÖV-Buchungs-Apps sind jetzt WCAG 2.1 AA-konform (oder nahe dran).
Was noch nicht: Komplexere Abläufe (Assistenzreservierung mit spezifischer Bedarfsangabe) bleiben manchmal schwierig.
2. Große E-Commerce-Anbieter
Bol, Coolblue, Colruyt-Online, Delhaize.be, Bpost — die großen belgischen und niederländischen E-Commerce-Anbieter haben angepasst. Für Nutzer mit Screenreader oder alternativen Eingabegeräten ist der Unterschied merklich gegenüber Anfang 2025.
Was funktioniert: Alt-Text bei Produktfotos, bessere Formular-Labels, Tastatur-Navigation.
Was noch nicht: Checkout-Abläufe bleiben verwirrend, CAPTCHA-Varianten sind oft noch nicht angepasst.
3. Behördenportale (föderal + flämisch)
Föderale und flämische Behördenportale arbeiteten bereits vor dem EAA an Barrierefreiheit (Dekret Zugängliches Web). Der EAA hat dieses Momentum beschleunigt — VAPH-Website, mypension.be, Steuerportale sind merklich zugänglicher.
Was noch nicht: Einige Legacy-Behörden-Tools (spezifische Antragsformulare für spezialistische Regelungen) bleiben zurück.
Wo wir enttäuscht bleiben
1. Kleinere E-Commerce und KMU-Webshops
Der EAA legt den Schwerpunkt auf große Anbieter > 5 Mio. € Umsatz. Kleinere Webshops (lokale Unternehmer, kleine Sportvereine, handwerkliche Produzenten) haben wenig oder keinen Anreiz anzupassen. Für Rollstuhlfahrer, die lokal einkaufen möchten: Das Online-Angebot kleiner Unternehmer bleibt oft unzugänglich.
Vorschlag: Flämisch-Wallonische Aktion zur Unterstützung von KMU-Webshops durch kostenlose Audits + Template-Empfehlungen. Kostet wenig, große Wirkung.
2. Angepasste Gastronomie-Reservierung online
Während Hotelbuchungs-Websites angepasst sind, ist die Restaurantreservierung eine fragmentiertere Geschichte. The Fork, Zenchef und eigenständige Restaurantwebsites haben wechselnde Barrierefreiheit. Für Rollstuhlfahrer, die angepassten Tisch + angepasste Toilette bestätigen möchten, bevor sie reservieren, ist das frustrierend.
Vorschlag: Standardfeld "angepasster Zugang" in Reservierungsplattformen mit überprüfbaren Kriterien.
3. Durchsetzung ist noch nicht aktiv
Die Wirtschaftsinspektion hat im ersten Jahr vor allem informativ gearbeitet — Warnungen, Kontrollen, Sensibilisierung. Sanktionen wurden kaum angewendet. Für Unternehmen ohne externen Druck ändert sich dann wenig.
Was wir sehen möchten: erste symbolische Bußgelder in 2026-2027, um zu zeigen, dass das Gesetz wirklich greift.
4. Verbraucherelektronik — noch keine sichtbare Auswirkung
Smartphones und Tablets sind bereits international angepasst (Apple, Google, Microsoft haben substanzielle Barrierefreiheits-Funktionen). Aber spezifische Verbraucherelektronik (Haushaltsgeräte, Smart Home, Wearables) bleibt hit and miss. Der EAA hat hier noch keinen Durchbruch gebracht.
Was Rollstuhlfahrer konkret tun können
Wenn Sie eine nicht konforme Website antreffen (großer Anbieter, EAA-Geltungsbereich):
- Melden Sie es bei FÖD Wirtschaft über das Beschwerdeformular
- Dokumentieren Sie das Problem (Screenshot, URL, Nutzerablauf)
- Kontaktieren Sie den Anbieter direkt — oft genügt eine freundliche E-Mail zur Bewusstseinsbildung
- Teilen Sie Ihre Erfahrung über drempelvrij.be — Lassen Sie es uns wissen
Was wir bei drempelvrij.be tun werden
Für 2026-2027 haben wir drei EAA-bezogene Ambitionen:
- Audit-Serie: 10 wichtige belgische E-Commerce-Websites auf EAA-Konformität testen (Rollstuhl- und Screenreader-Perspektive)
- Best-Practice-Blog: Welche belgischen Unternehmen machen es wirklich gut — mit Interviews, wenn möglich
- Beschwerde-Ablauf-Erklärung: Wie man eine nicht konforme Website bei FÖD Wirtschaft meldet, mit konkretem Stufenplan
Die nächsten Jahre
2026-2028: Die Durchsetzung muss zunehmen. Einheitliche A-Labels für digitale Dienste wären ein Branchendurchbruch.
2028: EU-Überprüfung des EAA-Geltungsbereichs. Kandidaten-Erweiterungen: kleinere Webshops, Heim-Umgebungs-Dienste, spezifische Verbraucherelektronik-Kategorien.
Für belgische Rollstuhlfahrer bleibt der EAA eine positive, aber langsame Geschichte. Verbesserungen gibt es, aber grundlegend digitalisierte Barrierefreiheit erfordert einen Kulturwandel, der über die Gesetzeskonformität hinausgeht.
Kombinieren Sie mit anderen Pillars
Fazit
Nach 1 Jahr EAA ist die Bilanz positiv, aber langsam. Große E-Commerce und ÖV-Buchung sind angepasst — das ist wirklich gewonnener Boden. Aber kleinere Unternehmer, Restaurantreservierung, Durchsetzung und Verbraucherelektronik bleiben zurück.
Unsere Empfehlung an die Branche: Nicht warten auf Sanktionen. Wer sich jetzt proaktiv anpasst, gewinnt Kundenloyalität und positioniert sich vor dem Durchsetzungszyklus, der sicher kommen wird.
Unsere Empfehlung an Rollstuhlfahrer: Melden Sie Probleme aktiv bei FÖD Wirtschaft. Das ist der Druck, den das Gesetz braucht, um wirklich Wirkung zu haben.
Haben Sie EAA-Erfahrungen (positiv oder negativ), die wir aufnehmen können? Lassen Sie es uns wissen — wir ergänzen diese Pillar, während wir mehr Fälle sammeln.